Zwei Sekunden sorgen für heftige Tagesschau-Beschimpfungen – eine kommentierende Analyse


86.400 Sekunden sendet Das Erste täglich. 18 Sekunden, die als Video bei Twitter veröffentlicht wurden, haben zu Diskussion darüber geführt, ob die Tagesschau im Ersten Medien manipuliert. Genaugenommen geht es sogar nur um die letzten zwei Sekunden. Wer konzentriert hinhört, kann Buhrufe hören. Und das hat einige Menschen im Internet zur digitalen Weißglut gebracht.

Was steckt dahinter?

Vorwürfe und Gegenargumente

Vorwürfe und Anschuldigungen gibt es unzählige. Sie lassen sich bei Twitter und Facebook nachlesen. Hier geht es um die Hauptpunkte. Dabei werden einige Denkanstöße geliefert, weshalb das ganze doch nicht so ein Skandal ist, wie die Kritik vermuten lässt.

Die jeweiligen Gegenargumente und mehr Informationen lassen sich durch ein Klicken auf „+“ anzeigen.

Manipulation des Tonmaterials / ''Tagesschau'' drehte Buhrufe für Trump ''etwas lauter'' (Schlagzeile ''Die Welt'')
Mikrofone verfälschen im Vergleich zum menschlichen Ohr den eigentlichen Raumklang, weil sie nur das, was direkt vor ihnen ist, in normaler Lautstärke aufnehmen (natürlich je nach Typ und Modell unterschiedlich). Geräusche, die weiter weg sind dagegen überproportional leiser wiedergeben. Deshalb sind beispielsweise bei Orchester- und Bandaufnahmen für jedes Instrument eigene Mikrofone dabei. In einer Großveranstaltung hat meistens nur der Redner ein Mikrofon und ist damit im Originalton als einziger zu hören, während Proteste und Buhrufe vom Mikrofon im Verhältnis viel leiser aufgezeichnet werden, da im Publikum selten ein zusätzliches Mikrofon steht. Diese Tonwiedergabe bei nur einem Mikrofon entspricht somit nicht der Realität vor Ort, reicht aber aus, wenn man nur den Redner zu Wort kommen lassen möchte. Übrigens: Selbst der mögliche Applaus im Saal wird bei nur einem Mikrofon im Verhältnis zu leise wiedergegeben. Wer also dokumentieren will, was wirklich geschah, muss in dem Fall die Tonspur des einzigen Mikrofons lauter stellen. Erst dann kann man den Raumklang so ähnlich abbilden, wie er wirklich war. Es nicht zu tun, wäre eine Verfälschung. Tonspuren lauter zu drehen und andere leiser zu stellen ist die Kunst des Schneidens. Denn am Ende soll der Zuhörer ja alles verstehen können – und das auch ohne Hörgerät. Für Hörfunkjournalisten ist das Alltag. Beim Fernsehen machen es meist noch die Techniker.

Die Tagesschau schreibt dazu übrigens bei Twitter:


Grenzüberschreitung bei einer Nachrichtensendung: Der Applaus wird nicht lauter gestellt, nur die Buhrufe


Applaus ist bei solchen Reden üblich. Das hat keinen Nachrichtenwert. Buhrufe sind bei Regierungsvertretern und offiziellen Anlässen eigentlich nie der Fall. Wenn es dann doch passiert, hat das Nachrichtenwert. Das weiß sicher auch die Bild-Zeitung, deren Online-Chef hier twittert, allerdings hat die Bild ihre eigenen Regeln, die sich nicht unbedingt mit anderen journalistischen Erzeugnissen decken und deren Grenzen oft genug überschreiten.

Die Gegner Trumps werden bevorzugt
Die Gegner Trumps kommen in dem 18 Sekunden langen Video gerade mal zwei Sekunden vor. Eine Behauptung, die sich also rein rechnerisch widerlegen lässt. Außerdem: Wollte jemand die Gegner Trumps bevorzugen, hätte er sicherlich die Möglichkeit gefunden, sie länger zu bringen und vielleicht sogar im Bild zu zeigen.
Wenn Töne beliebig laut oder leiser gestellt werden, dann könnte ja alles gefäscht werden

„könnte“ – aber dafür gibt es keinen Hinweis, zumindest wird er nicht genannt. Um das zu beweisen, müsste man wahrscheinlich vor Ort gewesen sein. Ich war es nicht.

Die Rache der ARD an den Fakten, dass nicht Merkel, sondern Trump beim Abendessen eingerahmt war von Siemens und SAP. (Kommentar eines Facebook-Nutzer)
Kommentar eines Facebook-Nutzers
Kommentar eines Facebook-Nutzers

Dafür gibt es keinerlei Fakten – zumindest werden sie nicht genannt. Bleibt also die Frage: Weshalb sollte sich die ARD dafür rächen? In diese Richtung gehen viele Kommentare in den Sozialen Netzwerken. Sie versuchen einfach die ARD und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu diffamieren, ohne aber nachweisbare Fakten zu nennen, sind also schlichtweg Meinungsäußerungen.

Der Versuch

Am Sonntag, 28.01.18, durfte ich währen der Veranstaltung „Gott im Kino“ in Limbach-Oberfrohna über das Thema „Fakenews“ sprechen. Dazu machte ich einen kleinen Versuch, der an die Situation mit Trump und den Buhrufern anknüpfte. Ich es mal praktisch durchgespielt mit dem Mikro auf der Bühne und den Buhrufen in der letzten Reihe. Es hat gut und überzeugend geklappt… Es war eindeutig hörbar, dass die Buhrufe über die Saallautsprecher kaum zu hören waren, wohl aber im Kinosaal. Und dann habe ich das Mikro am ausgestreckten Arm gehalten. Meine Stimme war im Saal zu hören, aber nicht über die Lautsprecher.

Was lernen wir daraus?

Das Mikro überträgt nur das, was direkt davor gesagt wird. Alles andere ist maximal leise im Hintergrund zu hören. Will so etwas dokumentieren, muss das der Tonkanal für das Mikro lautet gestellt werden.