Nach Tötungsdelikt: Gab es in Chemnitz eine Hetzjagd?

Nach einem Tötungsdelikt in Chemnitz gab es eine heftige Debatte darüber, ob in der Stadt eine Hetzjagd stattgefunden hat. Die Darstellungen in den Medien – sowohl herkömmliche Medien als auch im SocialMedia-Bereich – widersprechen sich heftig. Die Diskussion hat u.a. ein Video ausgelöst, welches durch unterschiedlichen Internet-Nutzer veröffentlicht wurde. QuellenCheck dokumentiert die bislang bekannten unterschiedlichen Ansichten in Ausschnitten.

Der Artikel wurde mehrmals aktualisiert (Stand: 12.09.18, 07:00 Uhr).

Ist dieses Video authentisch? Gab es eine Hetzjagd?

Es lohnt sich auch einmal Argumentationen anzuschauen, die nicht der eigenen Meinung entsprechen. Hier eine Liste mit Links, Twitter-Beiträgen und Videos der unterschiedlichsten Art und Ansichten.

ZDF zu Chemnitz-Video: Einer der Angreifer war Securitas-Mitarbeiter und wurde wegen der Vorfälle entlassen
Die Sicherheitsfirma hat einen ihrer Mitarbeiter auf dem strittigen Video entdeckt und ihn inzwischen entlassen. Das ergaben Recherchen des ZDF.

Der Vorfall und der Mitarbeiter sind uns bekannt.Bernd Weiler, Securitas - Quelle: ZDF
Securitas Deutschland hat gegenüber rechtsradikaler oder fremdenfeindlicher Gesinnung eine Null-Toleranz-Politik.Bernd Weiler, Securitas - Quelle: ZDF
Mehrere Asylsuchende, unter anderem einer der Angegriffenen, hatten gegenüber dem ZDF angegeben, dass einer der Beteiligten als Sicherheitsmann in einem Chemnitzer Flüchtlingsheim gearbeitet habe.ZDF

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ZDF: Interner Polizeibericht beschreibt bedrohliche Lage in Chemnitz - ''100 vermummte Personen (rechts) suchen Ausländer.''
Die ZDF-Sendung „Frontal 21“ hat Zugriff auf die Polizeiberichte vom 27.08.18. Darin sind demnach deutliche Erkenntnisse über die Demonstration in Chemnitz festgehalten.

Zwei Personen mit Eisenstangen am Bahnhofsvorplatz in Richtung Brückenstraße unterwegs.Polizeibericht vom 27.08.18, Chemnitz - Quelle: ZDF
100 vermummte Personen (rechts) suchen Ausländer.Polizeibericht vom 27.08.18, Chemnitz - Quelle: ZDF
20 bis 30 vermummte Personen mit Steinen bewaffnet in Richtung Brühl, Gaststätte ‚Schalom‘Polizeibericht vom 27.08.18, Chemnitz - Quelle: ZDF

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Tagesschau-Faktenfinder meint, das Video sei echt
Die Tagesschau hat mit mehreren Experten über das Video gesprochen und verlinkt auch Untersuchungen, die im Netz zu finden sind. Das Resultat ist deutlich: „Keine Indizien für Fälschung“.
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Die Wochenzeitung ''Zeit'' wertet nicht, stellt aber Fakten zum Video dar
In dem Video der „Zeit“ wird genau der Ort identifiziert, an dem das Video in Chemnitz aufgenommen wurde. Es ist auch ein Abgleich zwischen den Wetterverhältnissen in dem Video und dem Wetterbericht für die fragliche Zeit zu sehen. Außerdem werden die T-Shirts und ihre mögliche Herkunft analysiert. Es lohnt sich das Zeit-Video über das Video anzuschauen.

ZDF macht den Faktencheck: ''... sprechen alle Indizien dafür, dass das Video authentisch ist.'
Das ZDF untersucht das strittige Video sehr ausführlich und gut dokumentiert. Am Ende heißt es: „Vom zeitlichen Ablauf, dem Ort, den Wetterverhältnissen und anderen Videos sprechen alle Indizien dafür, dass das Video authentisch ist. Maaßen nennt keine Indizien, warum die Aufnahmen nicht echt sein sollen.“
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CDU Sachsen: ''Es gab keinen Mob, keine Hetzjagd, kein Pogrom''
Die CDU Sachsen fordert bei Facebook unter der Überschrift „Nochmal zum Mitschreiben!“ auf, das folgende Video zu teilen. Darin werden 18 Sekunden aus der Regierungserklärung des sächsischen Ministerpräsidenten zitiert: „Es gab keinen Mob, keine Hetzjagd, kein Pogrom“. Allerdings wird nicht belegt, wie man zu dieser Ansicht gelangte.

Bei Twitter: Ein weiteres Video zeigt die strittige Szene von der gegenüberliegenden Straßenseite

Bei Twitter veröffentlichtes Video: ''Das ist unsere Stadt. - Rassisten!''
Das Video zeigt den Zug der mutmaßlich rechtsgerichteten Demonstranten am 26.08.18 in Chemnitz. Wer genau hinhört, bekommt auch den Ruf „Für jeden toten Deutschen ein Toter Ausländer“ mit. Eine Frau schreit „Rassisten“. Danach wird sie mutmaßlichen in einen Kampf verwickelt an dessen Ende eine Stimme, die Frau bittet, den Ort zu verlassen. Das Video zeigt ein wenig die Stimmung auf dieser Veranstaltung.

Welt-Chefreporter: ''Musterbeispiel, wie ... Journalisten Vertrauen ... verspielen''
Der Chefreporter der Welt übt Selbstkritik. Allerdings kommt nicht genau heraus, weshalb es keine „Hetzjagd“ gab. Der Journalist sieht die Fehler in einer falschen Kommunikation der Bundesregierung und fehlender Eigenrecherche.

Ein Journalist spricht mit dem Mann, der im Video bei seiner Flucht gezeigt wird
ze.tt spricht mit dem Mann, dessen Flucht im Video dokumentiert wurde und als „Hetzjagd“ um die Welt ging. Er hat inzwischen Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

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Warum die ''Freie Presse'' aus Chemnitz nicht von ''Hetzjagd'' spricht
Die „Freie Presse“ ist die Zeitung, die im wahrsten Sinne vor Ort ist. Sie hat ihre Redaktionsräume in Chemnitz. Ihr Chefredakteur Torsten Kleditzsch schreibt: „Der offen zu Tage getretene Hass, der die Proteste auf den Straßen in Chemnitz am Sonntag begleitet hat, war schrecklich genug. Er bedarf keiner Dramatisierung.“

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Verfassungsschutzpräsident Maaßen teilt Skepsis gegenüber Medienberichten - soll inzwischen allerdings seine Aussage relativiert haben
Der Chef Verfassungsschutzes teilt die Kritik an den Medien. Er teilt dies im Exklusiv-Interview der Bild-Zeitung mit. Diese hat es online hinter einer Bezahlschranke versteckt, so dass hier die Zitate aus Spiegel online wiedergegeben werden.

Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist.Hans-Georg Maaßen im Bild-Interview, zitiert durch Spiegel online
Dem Verfassungsschutz lägen „keine belastbaren Informationen darüber vor, dass solche Hetzjagden stattgefunden haben“, sagte Maaßen der „Bild“-Zeitung. „Die Skepsis gegenüber den Medienberichten zu rechtsextremistischen Hetzjagden in Chemnitz wird von mir geteilt.“Spiegel online zitiert Bild, die mit Hans-Georg Maaßen sprach

Nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ ist der Verfassungsschutzpräsident Maaßen inzwischen von seiner Version abgerückt:

Am Montag erklärte er in einem Schreiben an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nach Informationen der Süddeutschen Zeitung nun: Das Video sei nicht gefälscht. Er sei falsch verstanden worden.Süddeutsche Zeitung
ZDF-Reporter: ''Es ist schon eine ziemlich absurde Debatte, die hier um diesen Begriff Hetzjagd geführt wird''